Wussten Sie, dass der Gründer von ERGOFIT die Wirbelstrombremse für Fahrradergometer erfunden hat? Und dass das Unternehmen durch Cardio-Geräte für herzfrequenzgesteuertes Training Furore machte? Die Geschichte von ERGOFIT – heute eine Marke der PHYSIOMED GROUP – zeigt, wie sich durch Kreativität, Unternehmergeist und Mut ein kleiner Familienbetrieb zum Pionier für Hightech-Physiogeräte mauserte. Eine Erfolgsgeschichte in der Medizintechnik, erzählt von Michael Resch, dem Enkel des Firmengründers.
Deutschland stand noch mitten im Wiederaufbau, als Willi Resch 1947 aus der Kriegsgefangenschaft nach Pirmasens zurückkehrte. Um seine Familie zu ernähren, gründete der Betriebswirt einen kleinen Handwerksbetrieb. Er vertrieb und reparierte Maschinen für die Schuhindustrie, die damals das Rückgrat der Wirtschaft in der Westpfalz war. „Mein Großvater hat damals noch nicht an Ergometer und Kraftgeräte gedacht“, erzählt sein Enkel Michael Resch, der das Unternehmen später selbst viele Jahre geführt hat. „Es ging erstmal um Teile für Schuhmaschinen, und als mein Vater dazu kam, bauten sie auch eigene Schuhmaschinen.“ Dieses technische Knowhow und das Tüftler-Gen von Hans Resch legten den Grundstein für eine jahrzehntelange Entwicklung, die geprägt war von Erfindergeist, handwerklicher Präzision und bemerkenswerter Anpassungsfähigkeit.
Der Niedergang der Schuhindustrie und ein Entschluss, der alles veränderte
Doch Ende der 1960er-Jahre kam der Einbruch der deutschen Schuhindustrie – rasant und gnadenlos. „Innerhalb von zwei, drei Jahren ging es rapide bergab“, so Michael Resch. Die Produktion wanderte ab in Billiglohnländer wie Portugal und Griechenland, später nach Asien.“ Dies traf auch Zulieferer wie die Willi Resch KG – ein Schockmoment für Michaels Vater Hans Resch, der damals bereits die Geschäftsführung innehatte. Ein Messebesuch ohne einen einzigen Verkaufsabschluss brachte die Erkenntnis: Es braucht eine radikale Neuausrichtung. „Mein Vater war noch zu jung zum Aufhören. Und Imbissbude oder Versicherung – das war nichts für ihn“, erinnert sich der Sohn schmunzelnd. Gemeinsam mit seinem langjährigen Mitarbeiter und Meister Horst Kröher begann Hans Resch, neue Wege zu denken: Bewegung, Gesundheit, Sport – darin sah er die Zukunft. So entwickelte Resch Anfang der 70er-Jahre seinen ersten Fahrradergometer. Die ersten Kunden waren Ärzte, Kliniken und Physiotherapeuten, die ein präzises Belastungsgerät für das Belastungs-EKG benötigten. Mit der Zeit entwickelten Resch und sein Team weitere Gerätetypen: Stepper, Oberkörperergometer und schließlich Kraftgeräte. Das breite Portfolio innovativer Geräte eröffnete später den Weg in die Fitness- und dann wieder zurück in die Gesundheitsbranche.
Ein technologischer Meilenstein: die Wirbelstrombremse
Mit Hans Resch als Firmeninhaber in zweiter Generation setzte das Unternehmen 1981 einen Meilenstein, der die internationale Gesundheits- und Fitnessindustrie revolutionieren sollte: Unter dem neuen Namen ERGOFIT baute die Firma die weltweit erste mechanische Wirbelstrombremse für Fahrradergometer – verschleißfrei, präzise, extrem leise. „Die anderen haben das am Anfang belächelt und kleingeredet“, sagt Michael Resch. „Doch kaum war der Musterschutz abgelaufen, zogen alle großen Hersteller nach.“ Die verschleißfreie, extrem leise Bremstechnologie schuf einen Standard, der weltweit übernommen wurde und bis heute Bestand hat – so prägend, dass die stilisierte Wirbelstrombremse später Teil des ERGOFIT-Markenlogos wurde. Für eine Patentanmeldung war damals allerdings kein Geld da. „Das tut bis heute ein bisschen weh“, so Resch.
Weitere Innovationssprünge: herzfrequenzgesteuertes Training und Chipkarten
Die zunehmende Bedeutung der Medical Fitness um 1990 gab ERGOFIT weiteren Aufwind. Furore machte das Unternehmen nun mit Cardio-Geräten, die herzfrequenzgesteuertes Training ermöglichten – eine absolute Neuerung. „Das war wie ein Autopilot“, erklärt Michael Resch: „Man gibt einen Zielpuls ein, und das Gerät regelt die Belastung automatisch nach oben oder unten, so dass der Puls im Zielbereich konstant bleibt – heute Standard, damals aufsehenerregend.“ Fünf Jahre später brachte ERGOFIT das erste Chipkartensystem mit digitaler Trainingssteuerung auf die Trainingsflächen.
1992, nach seinem Studium zum Wirtschaftsingenieur, stieg auch Michael Resch ins Unternehmen ein – früher als geplant, aber notwendig. „Ich wollte eigentlich noch gar nicht, aber wir mussten damals sehr schnell einige technische Probleme lösen. Außerdem wurde der Verkauf ins Ausland immer wichtiger“, sagt er rückblickend und fügt schmunzelnd hinzu: „Und Vater war nur zweisprachig unterwegs: Pfälzisch und Deutsch.“ Michael kümmerte sich fortan um die internationale Expansion, baute Vertriebsstrukturen auf, betreute Partner in -Europa und Asien. Schnell stieg der Exportanteil auf 30 Prozent.
McFit und der Fitness-Boom der 1990er und 2000er
Einen enormen Schub brachte Ende der 90er der Kontakt zur damals noch jungen Fitnesskette McFit. „Wir haben vier Geräte zur Probe reingestellt – und nach einem halben Jahr sind die vollständig zu uns gewechselt, weil unsere Geräte einfach viel robuster waren als die der Konkurrenz“, erinnert sich Michael Resch. Von 1998 bis 2013 war ERGOFIT der exklusive Cardio-Lieferant für McFit, mit Ausnahme der Rudergeräte. „Dann haben wir festgestellt, dass es sowohl im medizinisch-physiotherapeutischen als auch im Fitnessbereich unabdingbar ist, alles aus einer Hand liefern – also nicht nur Cardio-, sondern auch die Kraftgeräte zu bauen“, erinnert sich Resch. In den kommenden Jahren erweiterte er strategisch das Produktportfolio um neue Cardiogeräte sowie jetzt auch um Kraftgeräte, Trainingssoftware und Serien, die zum Verkaufsschlager wurden – robust, langlebig und damit ideal für Fitness-Studios, die den Geräten Tag und Nacht volle Leistung abverlangten.
Der Weg zum Komplettanbieter in der Gesundheitsbranche
Parallel zur Fitnessbranche entwickelte sich auch der medizinische Markt weiter. Michael Resch besann sich auf die ursprüngliche Zielsetzung seiner Familie: durch innovative Technik zur Gesundheit beitragen. ERGOFIT entwickelte die Kraftgerätelinie POWER LINE, später die POWER LINE 4000 und schließlich mit VECTOR eine moderne, vernetzte Kraftgeräte-Generation für Physiotherapie, Reha und Prävention. Die Einführung des Gerätezirkels VITALITY CIRCUIT vereinte chipkartengesteuertes Training mit einer smarten Refinanzierung. Mit der Software VITALITY SYSTEM 5.0 (heute VITALITY CARE) kamen digitale Dokumentation und Trainingssteuerung dazu, die auch den Datenaustausch mit anderen Playern im Gesundheitsbereich ermöglichte. Heute versteht sich das Unternehmen als Komplettanbieter im Gesundheitsmarkt, der umfassende Konzepte und Lösungen für Therapieeinrichtungen entwickelt – von der orthopädischem über die kardiologische bis hin zur neurologischen Reha und Prävention. Der Anspruch blieb stets der gleiche: hohe Präzision und Zuverlässigkeit. 2020 wurde ERGOFIT sogar zum ersten 100 % klimaneutral produzierenden Hersteller der Branche – ein weiterer Meilenstein in der Firmengeschichte.
Insolvenz und Neubeginn in der PHYSIOMED GROUP
Das Jahr 2022 stellte ERGOFIT vor große Herausforderungen: Michael Resch zog sich aus Altersgründen aus dem Unternehmen zurück. Es folgte ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung – ein Einschnitt, der dennoch vergleichsweise moderat verlief. Denn trotz aller Entwicklungen blieb eines konstant: die starke Bindung an den Standort Pirmasens. „Wir hatten immer eine geringe Fluktuation und viele Mitarbeiter sind seit Jahrzehnten im Betrieb“, so Resch. Dieser Stamm blieb auch in der Insolvenzphase bemerkenswert stabil – mit geringen Abgängen von nur 10 bis 15 Prozent.
Starke Marke, treue Belegschaft
Heute lebt ERGOFIT als starke Marke innerhalb der PHYSIOMED GROUP weiter. Ein großer Teil der Mitarbeitenden ist noch an Bord, drei erfahrene Vertriebler wurden übernommen, und die Marke wird weiterhin eine wichtige Säule des Unternehmens bleiben. Michael Resch hat zwar im Unternehmen keine Befugnisse mehr, aber immer noch ein Büro im Werk im Pirmasens. „Wenn ich heute durch die Hallen gehe und jemand sagt ‚Hallo Chef‘, dann freut mich das“, sagt er sichtlich bewegt. „Die Verbundenheit unter den Mitarbeitern war immer eine wichtige Säule unseres Erfolgs. Ich wünsche mir sehr, dass es so weitergeht – mit den Menschen, die diese Firma geprägt haben.“